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Wie Organisationen Nachhaltigkeit strategisch nutzen

Ist Nachhaltigkeitsberichterstattung lediglich eine regulatorische Pflichtübung – oder kann sie Organisationen tatsächlich dabei helfen, zukunftsfähig zu werden und im Rahmen planetarer Grenzen zu handeln? Unter dieser Leitfrage trafen sich rund 40 Teilnehmer*innen aus Wissenschaft, Wirtschaft, Sozialwesen, öffentlicher Verwaltung und Zivilgesellschaft im Tiefenhörsaal Schmalenbach der DHBW Villingen-Schwenningen. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe PERSPEKTIVE:N – Nachhaltigkeit im Dialog, ausgerichtet in Kooperation mit der Hochschule Furtwangen University (HFU), gaben drei Organisationen aus unterschiedlichen Sektoren Einblicke in ihre Praxis.

Begrüßt und durch den Abend geführt wurden die Gäste von Prof.in Dr.in Barbara Schramkowski (Fakultät Sozialwesen) und Mitinitiatorin der Veranstaltungsreihe sowie Prof. Dr. Jens Heiling (Fakultät Wirtschaft).

Berichterstattung als Wertschöpfung statt Compliance

In seiner Einführung schlug Prof. Dr. Heiling den Bogen vom regulatorischen Rahmen zur eigentlichen Leitfrage des Abends: Lässt sich Nachhaltigkeitsberichterstattung als wertschöpfende Tätigkeit verstehen, die Organisationen analytische Klarheit über ihre Wirkung verschafft? Nachhaltigkeit, so Heiling, sei kein Modethema, sondern eine Generationenaufgabe und eine Frage von Generationengerechtigkeit, die alle gesellschaftlichen Sektoren in vergleichbarer Weise berühre.

Stiftung St. Franziskus Heiligenbronn: Mit Ruhe und Haltung durch ein bewegtes Regulierungsumfeld

Den Auftakt gestalteten Tobias Schwarz, Leiter Unternehmensbereich Bau- und Gebäudemanagement, sowie Margaretha Rink, Referentin für Arbeitsschutz und Umweltmanagement der Stiftung St. Franziskus Heiligenbronn. Die Stiftung betreut mit rund 2.800 Mitarbeitenden sowie fast 300 Ehrenamtlichen über 6.200 Menschen in der Altenhilfe, Eingliederungs- und Jugendhilfe und versteht Nachhaltigkeit als Haltungsfrage, die in Satzung, Leitbild und Strategie verankert ist.

Bemerkenswert war die Botschaft, mit der Frau Rink ihren Beitrag rahmte: „Ruhe bewahren.“ Statt reflexhaft auf die regulatorische Dynamik der CSRD zu reagieren, habe man auf vorhandenen Strukturen aufgebaut – insbesondere auf der seit über fünfzehn Jahren bestehenden EMAS-Zertifizierung. Hinter diesem Kürzel verbirgt sich ein europäisches Umweltmanagementsystem, das Organisationen verpflichtet, ihre Umweltauswirkungen systematisch zu erfassen und jährlich in einer extern geprüften Erklärung offenzulegen. Innerhalb von rund sieben Monaten entstand so ein an die CSRD bzw. den ESRS angelehnter Nachhaltigkeitsbericht, getragen von einem interdisziplinären Team aus Controlling, Personal, Hauswirtschaft und Umweltmanagement. Die Wesentlichkeitsanalyse wurde dabei systematisch mit dem Risikomanagement verzahnt. Diese Verbindung zeigt sich nicht nur im Nachhaltigkeitsbericht, sondern schärft auch die interne Steuerung und wirkt sich zunehmend positiv in Bankgesprächen, Ratingverfahren und der Refinanzierung aus.

Unternehmensgruppe fischer: Nachhaltigkeit als Strategiearchitektur

Christian Ziegler, Bereichsleiter Nachhaltigkeit, Umwelt und Energie der Unternehmensgruppe fischer, zeigte anschließend, wie sich Nachhaltigkeit in einem global agierenden Industrieunternehmen über lange Jahre zu einer eigenständigen Strategiearchitektur entwickeln kann. Ausgangspunkt sei die Übersetzung von Nachhaltigkeit in „Zukunftsfähigkeit“ gewesen – ein Begriff, der die Dimensionen Ökologie, Ökonomie und Soziales konsequent gleichgewichtig denkt.

Operativ wird die Strategie durch das Akronym TIGER und den selbst entwickelten Nachhaltigkeitskompass getragen, der zwanzig Themenfelder über alle drei Dimensionen hinweg messbar macht. Ziegler illustrierte am Beispiel einer geometrischen Schraubenoptimierung – rund zehn Prozent Materialersparnis ohne Leistungseinbußen – wie technische Innovation und Nachhaltigkeitswirkung Hand in Hand gehen. Auf die Frage nach CO₂-Kompensationen antwortete er klar: Bis heute habe das Unternehmen keine einzige Tonne CO₂ kompensatorisch zugekauft – die internen Effizienzpotenziale seien zuerst zu heben.

AOK Baden-Württemberg: Wenn das Geschäftsmodell selbst betroffen ist

Maxana Baltruweit, Geschäftsbereichsleitung Gesellschaftliche Verantwortung der AOK Baden-Württemberg, schloss mit einer Perspektive, die die direkte Verbindung zwischen Klimaveränderungen und dem Kerngeschäft einer Krankenkasse eindrücklich machte, nämlich dass gesunde Menschen und eine gesunde Umwelt zusammengehören. Die AOK Baden-Württemberg ist seit 2013 im strukturierten Umweltmanagement aktiv und seit diesem Jahr nach EMAS registriert.

Erhöhte Hitzebelastung, neue Krankheitsbilder, veränderte Wirkstoffstabilität bei steigenden Temperaturen oder eine ausgeweitete Pollensaison durch die Klimakrise – all dies betrifft die Versicherten unmittelbar und damit auch die finanzielle Steuerung des Gesundheitssystems. Ein zentraler Hebel liegt entsprechend im Bereich der Mobilität, der über die Hälfte des unternehmerischen CO₂-Fußabdrucks ausmacht. Das selbst gesetzte Ziel der Klimaneutralität bis 2035 wurde in diesem Jahr erstmals als Mehrjahresziel verankert. Ergänzend verfolgt die AOK Forschungskooperationen, wie etwa mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, zur Auswertung des Zusammenhangs zwischen Klimaereignissen und Gesundheitsdaten.

Eine Synthese in der Diskussion

Die anschließende Diskussion unter Leitung von Prof. Dr. Heiling vertiefte Querschnittsfragen wie Lebenszykluskosten, den Umgang mit Scope-3-Emissionen, CO₂-Kompensation, Anreizmodelle in der betrieblichen Mobilität sowie sektorübergreifende Kooperationen. Trotz unterschiedlicher Ausgangslagen ließ sich eine bemerkenswerte Übereinstimmung beobachten: Trotz unterschiedlicher Ausgangslagen ließ sich eine bemerkenswerte Übereinstimmung beobachten: Alle drei Organisationen näherten sich Nachhaltigkeitsberichterstattung nicht primär entlang regulatorischer Pflichten, sondern als Instrument strategischer Steuerung. Klimaschutz wird dabei nicht isoliert gedacht, sondern als Frage gesellschaftlicher Verantwortung und Generationengerechtigkeit verstanden – und mit der Einsicht verknüpft, dass Wirtschaften nur innerhalb planetarer Grenzen langfristig funktioniert. Im Mittelpunkt stehen Transparenz, Steuerungsfähigkeit und Vorausschau. Berichterstattung entfaltet ihre Wirkung dort, wo sie nicht als Endpunkt, sondern als analytisches Instrument der Steuerung verstanden wird.

Die Reihe PERSPEKTIVE:N wird im Herbst mit einer weiteren Veranstaltung fortgesetzt.

"Hochschulkommunikation DHBW Villingen-Schwenningen"

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