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Zeitzeuginnengespräch: Von einer Kindheit in Auschwitz

Der 27. Januar markiert den Tag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz. An diesem Gedenktag wird weltweit der Millionen Menschen gedacht, die während der nationalsozialistischen Herrschaft entrechtet, verfolgt, gequält und ermordet wurden. Auch an der DHBW Villingen-Schwenningen wurde dieser Anlass genutzt, um Erinnerung lebendig zu halten: Studierende und weitere Interessierte hatten die Möglichkeit, an einem Zeitzeuginnengespräch teilzunehmen, das per Videokonferenz in einen Hörsaal übertragen wurde.

Über die Friedrich-Ebert-Stiftung konnte ein Gespräch mit der heute 90-jährigen Holocaust-Überlebenden Ruth Melcer realisiert werden. Melcer wurde 1935 in Tomaszów Mazowiecki in Polen geboren und lebte dort bis 1942. Als Kind kam sie zunächst in das Arbeitslager Bliżyn, bevor sie 1944 nach Auschwitz-Birkenau deportiert wurde. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verließ der verbliebene Teil ihrer Familie 1946 Polen. Ihre Eltern ließen sich in München nieder, wo Ruth Melcer später das jüdische Gymnasium besuchte.

Demokratie-Training an der DHBW

Das Zeitzeugengespräch war Teil des Demokratie-Trainings an der DHBW. Prof. Dr. Frank Francesco Birk von der Fakultät Sozialwesen betonte die Bedeutung solcher Formate: „Es geht darum, für Demokratie zu sensibilisieren. Der Austausch steht dabei im Fokus.“ Rund 90 Teilnehmende aus den Fakultäten Sozialwesen und Wirtschaft verfolgten das Gespräch.

Im Austausch mit Ellen Diehl von der Friedrich-Ebert-Stiftung berichtete Ruth Melcer eindrücklich von ihren Erlebnissen während der NS-Zeit. Ihr Vater war Stofffabrikant und lebte in ständiger Gefahr, da zahlreiche Fabrikanten von den deutschen Besatzern öffentlich erschossen wurden. Melcer war damals erst vier Jahre alt. Besonders präsent sei ihr bis heute die allgegenwärtige Angst: „Diese Angst überträgt sich von den Eltern auf die Kinder. Und ich habe sie deutlich gespürt.“

Verlust und Deportation

Nach der Ghettoisierung wurde Ruth Melcer in ein Arbeitslager gebracht. Dort kam es immer wieder zu sogenannten „Aktionen“ gegen Kinder. Ihr Bruder Mirek war zu diesem Zeitpunkt sechs Jahre alt: „Er wurde mitgenommen und im Wald erschossen“, erinnerte sich Melcer.

Schließlich wurde die Familie in einem Viehwaggon nach Auschwitz deportiert. Melcer berichtete von der unerträglichen Hitze im Zug und dem völligen Mangel an Nahrung. Bei der Ankunft an der Rampe standen SS-Soldaten mit Hunden: „Ich hatte panische Angst.“ Gemeinsam mit ihrer Mutter kam sie in das Frauenlager A in Birkenau, während ihr Vater im Männerlager untergebracht wurde.

Alltag im Konzentrationslager

Den Lageralltag beschreibt Melcer als geprägt von Hunger, Angst und Entmenschlichung. Zum Frühstück habe es eine Scheibe Brot mit Margarine gegeben, mittags eine wässrige Suppe aus Kohlrabi. Ihre Familie versuchte, mit Humor als Überlebensstrategie zu arbeiten. Ihre Mutter musste täglich Zwangsarbeit verrichten und sinnlos Ziegelsteine hin- und hertragen.

Ruth Melcer wurde zeitweise von der Blockältesten versteckt – auch, um sie vor dem Zugriff des berüchtigten Lagerarztes Josef Mengele zu schützen, der insbesondere Kinder für grausame medizinische Experimente missbrauchte und ermordete. „Das Schlimmste waren Hunger und Angst“, sagte Melcer. „Sie haben alle anderen Gefühle unterdrückt.“

Als die Rote Armee näher rückte, wurden viele Erwachsene auf Todesmärsche geschickt, die nur wenige überlebten. Die sowjetischen Soldaten seien bei der Befreiung schockiert gewesen vom Zustand der Überlebenden. Ruth Melcers Eltern überlebten den Holocaust ebenfalls. Die Familie fand schließlich wieder zusammen, nachdem ein Onkel Ruth in einem Kinderheim in Krakau ausfindig gemacht hatte.

„Es ist meine Verpflichtung zu erzählen“

Über ihre Erfahrungen sprach Ruth Melcer lange Zeit kaum. „Ich dachte immer, es gibt andere Zeitzeugen, die mehr erzählen können“, erklärte sie. Doch diese gebe es heute kaum noch. „Es ist eine Verpflichtung für mich geworden, zu berichten – für all jene, die nicht überlebt haben.“

Mahnung für die Gegenwart

Auch einen Blick auf die Gegenwart wagte Melcer. Sie sehe viele Parallelen zu früheren Entwicklungen und äußerte große Sorge um die Zukunft junger Menschen: „Ich habe panische Angst davor, was auf die Jugend zukommt.“ Ihre eindringliche Warnung: Man müsse die Parallelen erkennen und sich rechtzeitig wehren. „Setzen Sie sich jetzt für die Demokratie ein.“

Im Anschluss an das Gespräch entwickelte sich ein reger Austausch unter den Teilnehmenden. Prof. Dr. Frank Francesco Birk betonte abschließend: „Es ist eine zentrale Aufgabe der Sozialen Arbeit, Demokratie stets im Fokus zu behalten.“

Juden legen Steine auf Grabsteine, um zu zeigen, dass sie die Verstorbenen nicht vergessen haben und ihnen die Ehre erweisen. Foto: pixabay
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