Anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Werkstätten des St.-Josefshauses Herten kamen Werkstattbeschäftigte, Angehörige, Fachkräfte, Leitungspersonen und (ehemalige) Hochschulangehörige der DHBW Villingen-Schwenningen zu einem Dialogforum unter dem Leitmotiv „Zukunft, Arbeit und Teilhabe“ zusammen. Auch der Studiengang Soziale Arbeit mit Menschen mit Behinderung der DHBW Villingen-Schwenningen war vor Ort durch Prof. Dr. Boris Duru vertreten.
Wie wandelt sich das Leben für Menschen mit Behinderungen?
In den Werkstätten des St.-Josefshauses arbeiten und gestalten Menschen mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen und Behinderungen seit 1975 ihren beruflichen Alltag mit. Zum runden Jubiläum wollte sich die Einrichtung nicht selbst feiern, sondern miteinander reden, über das, was war, vor allem aber über das, was kommt: Wie wandelt sich das Arbeitsleben für Menschen mit Behinderungen? Welche Wege der Teilhabe sind heute möglich, welche bleiben verstellt? Und was bedeutet das alles aus der Sicht derer, die täglich in der Werkstatt arbeiten?
Unter dem Titel „50 Jahre – 50 Menschen: Dialogforum zur Zukunft von Arbeit und Teilhabe“ führte die Einrichtung daher ein Format durch, das diesen Anspruch ernst nimmt: statt einer Podiumsdiskussion oder eines Fachvortrags entstand ein Raum der Begegnung, in dem sehr unterschiedliche Perspektiven zusammenkamen – Menschen mit Behinderungen aus Werkstätten, Werkstatträte, Angehörige, Mitarbeitende verschiedener Einrichtungen sowie Vertreterinnen und Vertreter aus Hochschule, Verwaltung und Politik.
„Sprechen und Zuhören“ – ein Dialogformat für polarisierte Zeiten
Methodisch zurückgegriffen wurde auf das Format „Sprechen und Zuhören“ des Vereins Mehr Demokratie e. V., das seit 2025 bundesweit angeboten wird und bereits in Hunderten von Veranstaltungen erprobt ist. Ursprünglich entwickelt, um in einer politisch zunehmend polarisierten Gesellschaft Gesprächskultur und Annäherung zu ermöglichen, eignet sich das Format auch für Themen, die – wie die Existenz von Werkstätten für Menschen mit Behinderung – kontrovers diskutiert werden und auf sehr unterschiedliche Erfahrungen und Standpunkte treffen.

Das Prinzip ist denkbar einfach und zugleich anspruchsvoll: Die Teilnehmenden tauschen sich in kleinen Gruppen von vier Personen aus. Eine Person spricht, vier Minuten lang – die anderen drei hören zu. Eine Glocke gibt den Wechsel an. Wer das Wort hat, spricht von sich, aus eigener Erfahrung; wer zuhört, kommentiert nicht udn unterbricht nicht. Dies wiederholt sich einige Male. Diese Regeln, gut sichtbar auf einem Flipchart im Raum, rahmten den Austausch
Eine eigenständige Leistung: das Format inklusiv gedacht
Die eigentliche fachliche Leistung des St.-Josefshauses bestand darin, ein in seiner Grundform für eine politisch interessierte Bürgerschaft konzipiertes Format konsequent auf die Bedarfe der Teilnehmenden zuzuschneiden. Werkstattleitung Dorina Huber und ihr Team bereiteten die teilnehmenden Menschen mit Behinderungen sorgfältig auf das Format vor: mit einer mündlichen Erläuterung im Vorfeld, einem unterstützenden Erklärvideo, im Foyer ausgehängten Hilfsfragen sowie drei zur Seite stehenden Assistentinnen und Assistenten, die bei Unsicherheit angesprochen werden konnten.
Für die Durchmischung der Vierer-Gruppen wurde ein einfaches, wirkungsvolles Mittel gewählt: Die Teilnehmenden erhielten jeweils eine Farbe – an jedem Tisch sollten anschließend vier unterschiedliche Farben zusammenfinden. So traf gezielt aufeinander, was sich im Alltag selten begegnet: Werkstattbeschäftigte und Angehörige, Politik und Verwaltung, Forschung und Praxis.
Eine Leitfrage – viele Stimmen
Im Zentrum stand die Frage: „Wie sehen die Möglichkeiten für Menschen mit Beeinträchtigung aus, am Arbeitsleben teilzuhaben?“ Sie wurde nicht abstrakt diskutiert, sondern aus erster Hand beantwortet – von Werkstattbeschäftigten, die ihre Arbeit, ihre Wünsche, ihre Frustrationen und ihre Erwartungen schilderten, und von Fachkräften, Angehörigen sowie Leitungspersonen, die ihre Perspektiven dazu legten. Gerade durch diese Vielstimmigkeit wurde sichtbar, wie unterschiedlich Arbeit erlebt wird – und wie sehr es lohnt, sich den Erfahrungen der Beschäftigten selbst zu öffnen, statt überwiegend über sie zu sprechen.
Wirkung: Begegnung auf Augenhöhe
Wer beim Dialogforum dabei war, konnte beobachten, wie sich im Lauf des Dialogforums eine Atmosphäre von Empathie und gegenseitigem Respekt einstellte. Die Werkstattbeschäftigten nahmen das Format spürbar gut an. Dass ihre Aussagen und Meinungen auf der gleichen Ebene stehen wie die aller anderen Teilnehmenden, wurde im wörtlichen Sinne erlebbar – sie kamen als Expertinnen und Experten in eigener Sache zu Wort. Was selbstverständlich klingen sollte, ist in der Realität oft genug nicht selbstverständlich.
Sozialarbeiterisch wie wissenschaftlich gelesen, knüpft das Format an einen Diskursbegriff an, der – mit Jürgen Habermas gesprochen – auf Herrschaftsfreiheit, Gleichberechtigung und das gemeinsame Suchen nach guten Argumenten setzt. Für die Soziale Arbeit mit Menschen mit Behinderung ist das nicht weniger als die methodische Umsetzung dessen, was als Anspruch oft formuliert, aber selten in dieser Konsequenz eingelöst wird: Partizipation nicht als Schlagwort, sondern als realer Sprechraum.
Praxisnähe und Verbundenheit mit dem Studiengang
Für den Studiengang Soziale Arbeit mit Menschen mit Behinderung der DHBW Villingen-Schwenningen, der vor Ort durch den Studiengangsleiter Prof. Dr. Boris Duru vertreten war, hatte der Tag eine besondere Note: Gleich drei Absolventinnen und Absolventen prägten das Dialogforum mit. Dorina Huber, heute in leitender Verantwortung für die Werkstätten des St.-Josefshauses und Konzeptverantwortliche des Dialogforums, ist selbst Absolventin des Studiengangs Sozialwirtschaft. Dario Villari hat den Studiengang Soziale Arbeit mit Menschen mit Behinderung in Villingen-Schwenningen abgeschlossen, Lars Weiser den Studiengang Soziale Arbeit mit dem Schwerpunkt Netzwerk- und Sozialraumarbeit. Eine schönere Bestätigung dafür, dass unsere Studiengänge in die Praxis hineinwirken, lässt sich kaum denken.