Blickpunkt 83

Transkulturelle Aspekte als Hilfestellungen für die Arbeit mit migrierten Personen

Die Corona-Pandemie verdeutlicht, dass die psychosoziale und medizinische Versorgung während und nach der Corona-Pandemie vor einer großen Herausforderung steht und in den Bereichen Forschung und Praxis neue und effektive Konzepte entwickelt werden müssen. Professor Dr. Dr. Jan Ilhan Kizilhan nimmt dazu perspektivisch auch die Möglichkeiten in Betracht, die die Digitalisierung bietet. In diesem Kontext fanden 2020 mehrere Fachvorträge und Diskussionsrunden virtuell statt. Darunter ein Online-Seminar zur psychosozialen Belastung durch COVID-19 bei Migrant*innen und Geflüchteten, das in Kooperation mit der MEDICLIN Klinik am Vogelsang stattfand.

Auch über diese hinaus, arbeitet das Team um Kizilhan an insgesamt 14 international publizierten Artikeln und Bücherveröffentlichungen. Kizilhan betont: „Am Institut für Transkulturelle Gesundheitsforschung (ITG) und der Abteilung Transkulturelle Psychosomatik der MEDICLIN Klinik lege ich viel Wert auf die Nachwuchsförderung. Ich freue mich sehr darüber, interessierte junge Menschen in die Forschung einbeziehen und für diese begeistern zu können; nur so gelingt es uns, unsere Arbeit – auch im Internationalen – auf einem hohen Niveau zu verankern.“

In »Alkoholabhängigkeit und Migration« – einem aktuell erschienen Fachbuch – stellen der Autor und die Mitautorin transkulturelle Konzepte und Ansätze vor, die den Fachkräften in Beratungsstellen, ambulanten psychotherapeutische Praxen, psychosomatischen Kliniken und anderen Gesundheitsbereichen bei ihrer Arbeit helfen sollen.

„Auch wenn in islamisch geprägten Gesellschaften der Alkoholkonsum für die Mehrheit der Bevölkerung eine Ausnahme ist, kann sich dies nach einer Fluchtmigration in Europa ändern – etwa als Anpassung an die westliche Zivilisation oder als eine Art psychischer Selbstheilungsversuch“, so Kizilhan. Besonders schwer Traumatisierte und junge Männer seien gefährdet, eine Sucht zu entwickeln. „Bei Letzteren wird überproportional häufig eine zusätzliche Abhängigkeit von Opioiden, Cannabis oder Glücksspiel beobachtet“, so der Professor.

Das Buch beleuchtet die Suchtentwicklung im Migrationsprozess, kulturelle und religiöse Hintergründe, Ätiologie sowie die Diagnostik und Therapie. „Belastende Migrationserfahrungen können die Vulnerabilität für psychische Erkrankungen und Suchterkrankungen erhöhen. Dieses Wissen wird für migrationssensibles Arbeiten benötigt“, erklärt Pia Wenzler, Lehrbeauftragte an der DHBW und Mitautorin. Aus ihrer beruflichen Praxis beim Baden-Württembergischen Landesverband für Prävention und Rehabilitation (bwlv) weiß sie, wie wichtig konkrete Empfehlungen und Hinweise sind. Genau hier setzt das Buch an.

Um die Einbeziehung psychologischen Wissens über migrationsspezifische und transkulturelle Aspekte geht es auch im Buch »Psychologie für die Arbeit mit Migrant*innen« das im April 2021 erscheinen wird. Ziel ist es, in der psychosozialen Arbeit mit geflüchteten und zugewanderten Menschen das Wissen über kulturelle Bedeutungen, Wertvorstellungen, Zusammenhänge und Spannungsfelder aufzunehmen und das Verständnis für verschiedene Lebenswelten zu schärfen. Hierzu werden, neben der Einführung in theoretische Aspekte, Anregungen und Handlungsempfehlungen sowie Fallbeispiele für die praktische psychosoziale Arbeit mit Migrant*innen anschaulich dargestellt; u. a. für die Gesprächsführung, den Umgang mit Sprachbarrieren oder die Vermittlung von und Kooperation mit psychotherapeutischen Angeboten. Claudia Klett, Pädagogin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am ITG, ist Mitautorin. Durch ihre langjährige Tätigkeit in verschiedenen sozialen Arbeitsfeldern weiß sie, welche Fragen und Aspekte aus der Psychologie in der Praxis besonders bedeutend sind.

Zuletzt verfasste Kizilhan einen Buchbeitrag in »Act now!: Reflexionen in existenziellen Zeiten«  mit dem Titel »Schweigen ist tödlich – Von Gewalt, Trauma und Kultur«. Kizilhan geht darin der Frage nach, warum Menschen Gewalt gegen Menschen anwenden, Kriege führen und Gemeinschaften über Generationen traumatisieren – und wie dies geändert werden kann.

Zum ITG.

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