Empfehlungen zur psychischen Gesundheit

Empfehlungen zum Umgang mit Stress im Alltagsleben infolge von COVID-19

Von J. I. Kizilhan, C. Klett, K. Schlegel, J. Neumann und F. Steger

Stress und Stressbewältigung

Der Ausbruch der Coronavirus-Krankheit 2019 (COVID-19) ist für die Menschen unterschiedlich belastend. Angst und Sorgen vor einer Krankheit und die Distanz zu anderen Menschen können überwältigend sein und bei Erwachsenen wie auch bei Kindern starke Emotionen auslösen.
Jeder Mensch reagiert anders auf Stresssituationen. Dies hängt von den angeborenen und erlernten Bewältigungsstrategien jedes Einzelnen und der Gemeinschaft, in der man lebt, ab. Studien zeigen, dass vor allem folgende Personengruppen in Krisen bzw. der Krise durch COVID-19 anfällig für Stress sind:

  • Ältere Menschen und Menschen mit chronischen Krankheiten, die ein höheres Risiko für COVID-19 haben
  • Kinder und Jugendliche
  • Beschäftigte im Gesundheitssystem (z.B. Ärztinnen und Ärzte, Krankenpfleger*innen, Ersthelfer*innen), die bei der Versorgung von Erkrankten und der Eindämmung von COVID-19 helfen
  • Menschen mit psychischen Erkrankungen
  • Menschen mit Sucht und Medikamentenabhängigkeit

Stress während einer Krise, wie z.B. einer Pandemie, kann Folgendes umfassen:

  • Angst und Sorge um die eigene Gesundheit und die Gesundheit vom Angehörigen
  • Veränderungen im Schlaf- oder Essverhalten
  • Schwierigkeiten beim Schlafen oder Konzentrieren
  • Verschlimmerung chronischer Gesundheitsprobleme
  • Erhöhter Konsum von Alkohol, Tabak oder anderen Drogen
  • Menschen mit bereits bestehenden psychischen Erkrankungen sollten ihre Behandlung fortsetzen und darauf achten, ob sich Symptome verschlechtern oder neue hinzukommen.

Selbstfürsorge und Unterstützung anderer Menschen

Sich um sich selbst zu kümmern und Freunde und Familie zu unterstützen, kann allen helfen, mit dem Stress besser umzugehen. Anderen zu helfen, kann auch die Gemeinschaft stärken und das Gefühl geben, dass man nicht allein ist. Solidarität und gemeinschaftliche Unterstützung gibt Hoffnung und Perspektive, dass die Krise bald und gut überwunden wird.

Dinge, die Sie tun können, um sich selbst zu unterstützen

Machen Sie eine Pause vom Anschauen, Lesen oder Hören von Nachrichten, einschließlich der sozialen Medien. Wenn man immer wieder von der Pandemie hört, kann das verwirrend sein und den Blick für andere, positive Themen und Lebensbereiche verbauen.

  • Nehmen Sie sich bewusst Zeit, um sich zu entspannen. Atmen Sie tief ein und nutzen Sie ein Entspannungsverfahren, das Sie kennen oder im Internet finden. Wir empfehlen z.B. die Progressive Muskelrelaxation (PMR), hierzu gibt es im Internet gute Audio-Anleitungen.
  • Achten Sie auf Ihre Gefühle. Erinnern Sie sich daran, dass starke, beunruhige Gefühle verblassen werden und welche Krisen Sie im Leben schon gemeistert haben. Erinnern Sie sich an einen Moment in Ihrem Leben, an dem Sie sich glücklich, sicher, leicht oder frei gefühlt haben. Machen Sie sich die Erinnerungen an diesen Moment so präsent und so klar wie möglich und fühlen Sie sich intensiv in diese positive Stimmung ein.
  • Kümmern Sie sich um Ihren Körper. Versuchen Sie, sich gesund und ausgewogen zu ernähren, regelmäßig Sport zu treiben, ausreichend und regelmäßig zu schlafen und den Konsum von Alkohol und Drogen zu vermeiden.
  • Machen Sie vermehrt Aktivitäten, die Ihnen Spaß machen (z.B. Malen oder Zeichnen, Gartenarbeit, Lesen, Musizieren, handwerkliche Dinge).
  • Nehmen Sie Kontakt zu anderen auf. Teilen Sie Ihre Bedenken und Ihre Gefühle mit einem Freund bzw. einer Freundin oder einem Familienmitglied. Pflegen Sie gesunde Beziehungen und bauen Sie ein starkes Unterstützungssystem auf. Leider gibt es auch viele Menschen, die wenig Familie haben. Daher sollten Sie sich informieren welche Unterstützungsangebote es bei Ihnen vor Ort gibt, die sie in Anspruch nehmen können, oder bei denen sie helfen können: Einkaufen, Bücher am Telefon vorlesen etc. Ein solches Unterstützungssystem kann auch über verschiedene Medien (WhatsApp, Facetime, Skype, Telefon etc.) aufgebaut werden.
  • Setzen Sie sich nicht zu sehr unter Druck. Es handelt sich um eine unvorhergesehene und absolut außergewöhnliche Situation, die allen viel Flexibilität und Kreativität abverlangt. Seien Sie gnädig mit sich selbst, wenn nicht sofort alles nach Plan läuft und es zu „Reibungsverlusten“ kommt.

Suchen Sie professionelle Unterstützung und wenden Sie sich an Ihre Hausärztin bzw. Ihren Hausarzt, wenn Sie mindestens für zwei Wochen u.a. fünf der folgenden Symptome bemerken:

  • Ein- und Durchschlafstörungen, Alpträume, störende Gedanken und Bilder
  • Kraft- und Antriebslosigkeit
  • Körperliche Reaktionen wie Kopf- und Körperschmerzen oder Magenbeschwerden
  • Gefühle von Taubheit, Unglauben, Angst oder Furcht
  • Veränderungen des Appetits, der Energie und des Aktivitätsniveaus
  • Verschlimmerung chronischer Gesundheitsprobleme
  • Wut oder Unwohlsein
  • Verstärkter Konsum von Alkohol, Tabak oder anderen Drogen.

Umgang mit Kindern

Kinder und Jugendliche können die Ängste und Sorgen der Eltern oder Bezugspersonen übernehmen und reagieren entsprechend selbst mit Ängsten, Unsicherheit, Anspannung und Nervosität. Wenn Eltern und Bezugspersonen ruhig und selbstbewusst mit dem COVID-19-Virus umgehen, können sie ihre Kinder am besten unterstützen. Eltern können anderen Menschen in ihrer Umgebung, insbesondere Kindern, gegenüber sicherer, entspannter auftreten, wenn sie besser vorbereitet sind.

Nicht alle Kinder und Jugendlichen reagieren auf Stress in der gleichen Weise. Folgende Änderungen können auf Ängste und Sorgen hinweisen:

  • Übermäßiges Schreien oder Irritation bei jüngeren Kindern
  • Rückkehr zu Verhaltensweisen, die längst überwunden waren (z.B. Bettnässen, Fingerkauen, Vernachlässigung der Körperhygiene)
  • Übermäßige Sorge oder Traurigkeit
  • Ungesunde Ess- oder Schlafgewohnheiten
  • Reizbarkeit und "Ausagieren" von Verhaltensweisen bei Jugendlichen
  • Schwierigkeiten mit der Aufmerksamkeit und Konzentration
  • Vermeidung von Aktivitäten
  • Unerklärliche Kopf- oder Körperschmerzen
  • Veränderung der Kleidung (z.B. schwarz), der bevorzugten Musik oder andere Verhaltensänderungen, die eher destruktiv erscheinen
  • Konsum von Alkohol, Tabak oder anderen Drogen.

Wie können Sie Kinder und Jugendliche unterstützen?

  • Nehmen Sie sich Zeit, um mit Ihrem Kind über COVID-19 zu sprechen. Beantworten Sie Fragen und teilen Sie Fakten über COVID-19 auf eine Weise mit, die Ihr Kind verstehen kann.
  • Versichern Sie Ihrem Kind, dass es in Sicherheit ist. Lassen Sie es wissen, dass es in Ordnung ist, wenn es sich aufgeregt, angespannt und ängstlich fühlt. Teilen Sie ihm mit, wie Sie mit Ihrem eigenen Stress umgehen, so dass es von Ihnen lernen kann, mit Stress umzugehen.
  • Beschränken Sie den Nachrichtenfluss. Wenn Sie sich Nachrichten anschauen und die Kinder dabei sind, dann erklären Sie den Kindern die Nachrichten, damit sie es richtig einordnen und geben Sie den Kindern ein Gefühl, dass alles ok ist.
  • Versuchen Sie, mit den regelmäßigen Routinen Schritt zu halten. Wenn Schulen geschlossen sind, erstellen Sie einen Zeitplan für Lernaktivitäten und entspannende und angenehme Aktivitäten.
  • Sprechen Sie mit den Kindern über mögliche Veränderungen seit COVID-19, wie z.B. das Tragen von Gesichtsmasken, Hamsterkäufe (Toilettenpapier), Ausgangssperren etc.
  • Erlauben Sie den Kindern, Fragen zu stellen: Es ist ganz natürlich, dass Kinder Fragen und Sorgen über das Coronavirus haben. Ihnen den Raum zu geben, diese Fragen zu stellen und Antworten zu erhalten, ist eine gute Möglichkeit, die Angst zu lindern.
  • Jüngere Kinder verstehen vielleicht eine Karikatur oder ein Bild besser als eine Erklärung.
  • Wenn Sie auf eine Frage keine Antwort wissen, ist es in Ordnung, das ehrlich zu sagen. Im Moment gibt es Fragen zum Coronavirus, auf die wir keine Antworten haben. Es ist außerordentlich wichtig, dass Sie ehrlich und echt gegenüber den Kindern und Jugendlichen sind.
  • Vielleicht hat Ihr Kind auch eine Idee - lassen Sie sie Ihnen erzählen oder zeichnen.
  • Geben Sie praktische Anleitung: Erinnern Sie Ihr Kind an die wichtigsten Dinge, die es tun kann, um gesund zu bleiben, und motivieren Sie es, weiterzumachen, z.B. an ein Lied zu denken, das es singen möchte, während es sich die Hände wäscht.
  • Stellen Sie ein „Menü“ mit persönlichen Aktivitäten zur Selbsthilfe zusammen, die Ihnen und Ihren Kindern Spaß machen, z.B. Zeit mit Freunden und Familie verbringen, Sport treiben oder ein Buch lesen.

 

Auf der Website der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration finden Sie gesammelte Hinweise aus der Bundesregierung in verschiedenen Sprachen. Die Informationen werden fortlaufend auch über Gesundheitsfragen hinausgehend aktualisiert und ergänzt.

 

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